Reise des Lebens · Ressourcen für die Strecke
Stell dir vor, du planst eine lange Fahrt von München nach Berlin. Du kennst dein Ziel, du hast ein Navi und du weißt ungefähr, wie du fährst. Und trotzdem liegt auf jeder echten Strecke etwas, das dir keiner vorher aufgeschrieben hat: ein paar Steine, eine Baustelle, hier und da eine Umleitung. Das ist kein Zeichen, dass du falsch abgebogen bist. Das ist einfach Alltag.
Genauso ist es in der Führung. Zwischen dem Punkt, an dem du heute stehst und der Vision, auf die du hinarbeitest, liegt nicht die glatte Autobahn aus dem Prospekt, sondern der ganz normale, holprige Alltag. Die spannende Frage ist deshalb nicht, wie du die Hindernisse wegzauberst, denn das geht nicht. Die Frage ist, womit du sie bewältigst. Und die Antwort heißt Ressourcen. Genau darum geht es in diesem Kapitel und es ist mir eines der wichtigsten überhaupt.
Wenn du die anderen Kapitel dieser Reihe kennst, hast du das Bild schon im Kopf. Dein Leben und deine Führung sind wie eine lange Fahrt zu einem eigenen Ziel. Der Start, sagen wir München, ist dein Ist-Zustand. Berlin ist deine Vision, das, worauf du wirklich hinauswillst. Dein Navi sind deine Werte, sie berechnen die Route immer wieder neu Richtung Vision. Dein Fahrstil ist deine Persönlichkeit, die Art, wie du unterwegs bist. Und der Motor, der dich antreibt, ist dein Gehirn mit all dem, was unbewusst mitläuft.
Eine Ebene aber hat in diesem Bild bisher gefehlt und sie ist entscheidend: das, womit du die Strecke tatsächlich bewältigst. Denn ein Ziel und ein Navi allein bringen dich noch nirgendwohin, wenn dir unterwegs die Kraft ausgeht. Es braucht Ressourcen. Manche hast du längst im Tank, ohne es zu merken. Andere musst du unterwegs erst finden oder dir bewusst erarbeiten. Und genau das ist eine gute Nachricht, denn es heißt: Ressourcen sind nichts, was du entweder hast oder eben nicht. Sie lassen sich aktivieren.
Vielleicht denkst du bei Ressourcen zuerst an Zeit, Geld oder Personal. Die zählen natürlich dazu. Aber die vielleicht wichtigsten Ressourcen trägst du in dir und es sind deine positiven Gefühle. Das klingt erst mal weich, ist aber gut belegt. Die Psychologin Barbara Fredrickson hat mit ihrer Broaden-and-Build-Theorie gezeigt, dass positive Gefühle deinen Blick buchstäblich weiten. Unter Anspannung wird deine Wahrnehmung eng, du siehst nur noch das Problem direkt vor dir. Positive Gefühle machen genau das rückgängig, sie öffnen den Blick wieder für die ganze Strecke.
Wenn du das Bild der Nebelwand aus dem Kapitel Wie du Druck als Führungskraft steuerst kennst, dann ist eine gute Ressource genau der Moment, in dem sich der Nebel wieder hebt. Deshalb sind diese Gefühle kein Luxus für die ruhigen Tage. Sie sind das Werkzeug, mit dem du dir Weite und Handlungsfähigkeit zurückholst, gerade wenn es eng wird.
Aus der Emotionsforschung und der Arbeit von Dirk Eilert (emTrace) stammt eine besonders wirksame Auswahl. Fünf positive Gefühle, die sich schnell aktivieren lassen und viel bewegen. Ich arbeite selbst als zertifizierter emTrace-Master mit ihnen. Wichtig vorweg: Es geht nicht darum, dir gute Laune einzureden. Es geht darum, echte Momente, die es in deinem Tag ohnehin gibt, bewusst wahrzunehmen und dadurch zu verstärken. Hier sind die fünf, jede mit einer Situation aus dem Führungsalltag und einem kleinen Zugang.
Gemeint ist nicht der überhebliche Stolz, der auf andere herabschaut, sondern der stille, echte Stolz auf das, was du selbst getan hast. Der Unterschied ist wichtig, denn nur der handlungsbezogene Stolz stärkt dich wirklich. Im Führungsalltag geht dieser Stolz oft unter. Du hakst eine schwierige Aufgabe ab und hetzt sofort zur nächsten, ohne den Erfolg auch nur zu bemerken. Der Zugang: Frag dich am Ende eines Tages ganz konkret, worauf du heute durch dein eigenes Handeln stolz bist. Nicht auf das Ergebnis allein, sondern auf das, was du dazu beigetragen hast. Dieser eine Satz an dich selbst baut Selbstwirksamkeit auf und die ist im Nebel dein bester Verbündeter.
Damit ist das Gefühl von Sicherheit und echter Ruhe gemeint, der Moment, in dem einmal nichts von dir gewollt wird. Führungskräfte leben oft im Halbgas, nie ganz an und nie ganz aus. Genau das leert den Tank auf Dauer. Der Zugang: Erinnere dich bewusst an einen Moment des Tages, in dem du dich sicher oder einfach entspannt gefühlt hast und bleib kurz dabei. Schon dieses kurze Verweilen signalisiert deinem Nervensystem, dass gerade keine Gefahr droht und der Blick wird wieder weit. Wie echte Erholung aussieht, im Unterschied zur halben Pause am Handy, liest du ebenfalls im Kapitel Wie du Druck als Führungskraft steuerst.
Dankbarkeit lenkt deinen Blick vom Mangel zur Fülle. Unter Druck sehen wir vor allem, was fehlt, was schiefläuft und wer wieder nicht geliefert hat. Dankbarkeit dreht diesen Scheinwerfer um. Der Zugang: Frag dich, wofür du heute dankbar bist, ruhig auch für etwas Kleines. Ein gelungenes Gespräch, ein hilfsbereiter Kollege, ein Moment Sonne auf dem Weg zur Arbeit. Das Dankbarkeitstagebuch gehört zu den am besten belegten Übungen der positiven Psychologie, gerade weil es so schlicht ist und trotzdem messbar wirkt.
Ehrfurcht ist das Gefühl, das dich packt, wenn dir etwas Größeres begegnet, ein weiter Blick von einem Berg, ein beeindruckendes Stück Musik, ein Moment, in dem dir bewusst wird, wie klein dein aktuelles Problem im großen Ganzen eigentlich ist. Genau das macht Ehrfurcht so wertvoll. Sie relativiert den Stress, ohne ihn kleinzureden. Der Zugang: Achte im Alltag bewusst auf solche Momente und halte kurz inne, wenn dir einer begegnet. Wo ist dir heute etwas begegnet, das dich für einen Augenblick hat staunen lassen? Dieses Staunen macht innerlich weit und schafft Abstand zum Getriebe des Tages.
Mitfreude ist die Fähigkeit, sich mit anderen und über andere zu freuen, das Gefühl von echter Verbundenheit. Gerade an der Spitze wird es oft einsam und genau dagegen ist Mitfreude ein starkes Mittel. Der Zugang: Frag dich, mit wem du dich heute verbunden gefühlt hast und freu dich bewusst mit, wenn in deinem Team jemand etwas gut gemacht hat. Diese geteilte Freude kostet dich nichts und füllt trotzdem deinen Tank und den der anderen gleich mit.
Hindernisse gehören zur Strecke. Ob du ankommst, entscheidet nicht, ob dir welche begegnen, sondern womit du sie bewältigst.
Ressourcen wirken nicht dadurch, dass du einmal von ihnen liest, sondern dadurch, dass du sie regelmäßig aktivierst. Die gute Nachricht: Das braucht kaum Zeit. Schon ein paar Sekunden bewusste Aufmerksamkeit auf eines dieser Gefühle genügen und ein bis zwei der fünf pro Tag reichen völlig. Entscheidend ist die Regelmäßigkeit, nicht die Dauer. Wer das über einige Wochen jeden Tag kurz tut, spürt den Unterschied deutlich, denn das Gehirn lernt mit der Zeit, diese Momente von selbst häufiger wahrzunehmen.
Am einfachsten hängst du die Aktivierung an einen festen Punkt im Tag, zum Beispiel abends. Genau dafür gibt es die fünf Abendfragen, die ich dir im Kapitel Wie du Druck als Führungskraft steuerst als kleines Ritual zusammengestellt habe. Dort sind sie das Werkzeug gegen den Druck des Tages, hier verstehst du sie als das, was sie im Kern sind: fünf Kraftquellen für die ganze Strecke.
Als Führungskraft tankst du nicht nur selbst, du bist auch die Tankstelle für dein Team. Und das Schöne ist, dass positive Gefühle ansteckend sind. Wenn du echten Stolz, Dankbarkeit oder Mitfreude vorlebst, überträgt sich das. Ganz konkret: Benenne, worauf ein Mitarbeiter stolz sein darf, statt nur die nächste Aufgabe zu verteilen. Sprich Dank aus, wo er verdient ist und meine ihn ernst. Freu dich sichtbar mit, wenn jemand etwas geschafft hat, statt sofort zum nächsten Punkt zu springen. Das kostet dich Sekunden und füllt den Tank deiner Leute genau dann, wenn die Strecke wieder holprig wird. Wie du überhaupt siehst, was in deinen Leuten steckt, liest du im Kapitel Wie du Talente erkennst und förderst.

Jeder Artikel hier ist eine Etappe auf deiner Reise. Der Kompass zeigt dir, wo du gerade stehst und wohin es als Nächstes geht.
Du bist hier: Selbstführung, die Ressourcen für die Strecke.
Dein nächster Schritt: Aktiviere heute Abend eine der fünf Super-Ressourcen ganz bewusst.
Kostenlosen Führungs-Check machen →Die fünf Super-Ressourcen sind Stolz, Entspannung, Dankbarkeit, Ehrfurcht und Mitfreude. Es sind fünf positive Gefühle, die sich schnell aktivieren lassen und dir helfen, unter Druck wieder handlungsfähig zu werden. Sie stammen aus der Emotionsforschung und der Arbeit von Dirk Eilert (emTrace) und lassen sich in wenigen Sekunden am Tag bewusst wecken.
Indem du einen echten Moment dieses Gefühls aus deinem Tag bewusst wahrnimmst und kurz dabei bleibst. Für Stolz fragst du dich zum Beispiel, worauf du heute durch dein eigenes Handeln stolz bist, für Dankbarkeit, wofür du dankbar bist. Schon wenige Sekunden genügen. Wichtig ist nicht die Dauer, sondern dass du es regelmäßig tust, am besten über einige Wochen jeden Tag.
Nein und das ist ein wichtiger Unterschied. Beim positiven Denken redest du dir etwas ein, das vielleicht gar nicht stimmt. Bei den Ressourcen geht es darum, echte Momente, die es in deinem Tag ohnehin gibt, bewusst wahrzunehmen und dadurch zu verstärken. Du erfindest nichts, du lenkst nur deine Aufmerksamkeit. Genau deshalb wirkt es auch dann, wenn der Tag schwierig war.
Die Psychologin Barbara Fredrickson hat mit ihrer Broaden-and-Build-Theorie belegt, dass positive Gefühle die Wahrnehmung weiten und über die Zeit innere Widerstandskraft aufbauen. Das ist die wissenschaftliche Grundlage dafür, dass Ressourcen mehr sind als nur angenehm. Sie machen den Blick wieder weit, den Druck und Anspannung eng gemacht haben.
Indem du positive Gefühle vorlebst und sichtbar machst, denn sie sind ansteckend. Benenne konkret, worauf jemand stolz sein darf, sprich ehrlichen Dank aus und freu dich sichtbar mit, wenn jemand etwas geschafft hat. Das kostet nur Sekunden und stärkt dein Team genau dann, wenn es die Kraft am meisten braucht.
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