Reise des Lebens · Dein Fahrstil
Zwei Führungskräfte, dieselbe Situation. Ein Mitarbeiter hat einen Fehler gemacht, und zwar keinen kleinen. Die eine geht sofort rein, klärt an, will es hier und jetzt vom Tisch haben. Die andere sagt erst mal gar nichts, schläft eine Nacht drüber und sucht am nächsten Morgen in Ruhe das Gespräch. Beide meinen es gut, beide sind erfahren, und trotzdem hättest du zwei völlig verschiedene Filme gesehen. Woran das liegt? Nicht am Führungsstil, den sie irgendwann mal in einem Seminar gelernt haben. Sondern schlicht daran, dass die beiden ganz unterschiedliche Menschen sind.
Über den Führungsstil habe ich ja an anderer Stelle schon geschrieben, und wenn du magst, kannst du das gleich noch nachholen. Aber unter der Frage „Welcher Stil passt zu mir?“ liegt eigentlich eine viel tiefere, und die lautet: Wer bist du überhaupt, wenn du führst? Denn dein Stil fällt ja nicht vom Himmel. Er wächst aus deiner Persönlichkeit, aus der Art, wie du tickst, was dir leichtfällt und was dich Kraft kostet. Und genau deshalb bringt es dir am Ende so wenig, dir einen fremden Stil überzustülpen wie einen zu engen Anzug.
Bleib also kurz dran, dann schauen wir uns an, was deine Persönlichkeit eigentlich mit deiner Führung zu tun hat, warum die bekannten Vier-Typen-Modelle dabei so wenig helfen und wie du deine eigenen Muster erkennst, ohne dich in irgendeine Schublade quetschen zu müssen.
Vielleicht kennst du das aus deinem eigenen Team. Der eine nennt eine Aufgabe „gründlich erledigt“, der andere schaut auf genau dasselbe Ergebnis und findet es „viel zu langsam“. Und jetzt kommt das Verrückte: Beide haben recht. Sie schauen nur aus einer anderen Richtung auf dieselbe Sache. Der eine hat ein feines Gespür für Qualität und würde lieber dreimal prüfen, der andere denkt in Tempo und Ergebnis und wird nervös, wenn sich etwas zieht.
Das ist kein Streit über Fakten, sondern ein Unterschied in der Persönlichkeit. Jeder von uns trägt so eine Art unsichtbare Brille, durch die er die Welt betrachtet, und diese Brille ist bei jedem ein bisschen anders geschliffen. In der Persönlichkeitsforschung ist man sich an dieser Stelle ziemlich einig, und der Satz dazu ist so schlicht wie wichtig: Das sind keine festen Typen, sondern nur die beiden Enden einer Skala, und die allermeisten Menschen leben irgendwo dazwischen.
Für dich als Führungskraft steckt darin eine ganze Menge. Denn wenn du weißt, dass dein Gegenüber die Kreuzung schlicht aus einem anderen Winkel sieht, dann hörst du auf, sein Verhalten persönlich zu nehmen. Und du fängst an, es zu verstehen. Das ist der Unterschied zwischen „Der stellt sich mal wieder an“ und „Aha, der tickt hier einfach anders als ich“.
Reden wir kurz Klartext, damit wir vom Gleichen sprechen. Persönlichkeit ist die über die Zeit ziemlich stabile Art, wie ein Mensch fühlt, denkt und handelt. Sie ist der Grund, warum du in ähnlichen Situationen immer wieder ähnlich reagierst, oft ganz automatisch, ohne dass du groß darüber nachdenken müsstest.
Der harte Kern davon wird früh geprägt, in den ersten Lebensjahren bis ungefähr zum fünften Geburtstag, und der bleibt danach über die Jahrzehnte hinweg bemerkenswert stabil. Das ist übrigens keine schlechte Nachricht, im Gegenteil. Es heißt nämlich nicht, dass du festgenagelt bist. Dein konkretes Verhalten, deine eingefahrenen Muster, deine Gewohnheiten, die kannst du sehr wohl verändern und mit der Zeit auch bewusst trainieren. Nur eben nicht, indem du dir einredest, du müsstest ab morgen ein anderer Mensch sein. Sondern indem du erst mal verstehst, wie du überhaupt gestrickt bist.
Und da fängt der Ärger mit den schnellen Tests eben an. Die tun nämlich so, als gäbe es dich nur in vier Ausführungen, vier Farben, vier Buchstaben, vier Tiere. Aber ganz ehrlich, acht Milliarden Menschen passen nun mal nicht in vier kleine Schubladen. Bei so einer Vier-Felder-Einteilung gehen genau die feinen Unterschiede verloren, auf die es in der Führung dann wirklich ankommt.
Wahrscheinlich bist du auch schon mal über eines dieser bunten Modelle gestolpert, DISG zum Beispiel, oder irgendeine Variante mit vier Farben. Und ich will die gar nicht komplett schlechtreden. Für einen ersten Aha-Moment im Team, für ein bisschen gegenseitiges Verständnis auf einem Workshop, dafür taugen sie durchaus. Nur solltest du wissen, worauf du dich da einlässt. DISG teilt Menschen in vier Typen ein, das ist schön eingängig, steht wissenschaftlich aber auf ziemlich dünnem Eis.
Und hier der ehrliche Realitätscheck in einem einzigen Satz: DISG sagt dir, ob jemand im Meeting eher der Laute oder der Leise ist. Deep O.C.E.A.N. sagt dir, ob dieselbe Person unter dem Dauerdruck der Führungsrolle langfristig gesund bleibt oder irgendwann ausbrennt. Das ist der ganze Unterschied, und ganz ehrlich, es ist genau der, auf den es in der Führung am Ende ankommt.
Es gibt zum Glück ein Modell, das den Test der Zeit tatsächlich überstanden hat, und das ist das sogenannte Big-Five-Modell, das viele auch unter dem Namen O.C.E.A.N. kennen. Es ist aus einer eigentlich naheliegenden Idee entstanden: Wenn eine Eigenschaft für uns Menschen wirklich wichtig ist, dann haben wir irgendwann auch ein Wort dafür erfunden. Die Forscher Gordon Allport und Henry Odbert haben deshalb vor bald neunzig Jahren die Sprache durchforstet und rund achtzehntausend Begriffe zusammengetragen, mit denen wir einander beschreiben. Aus diesem riesigen Wortschatz haben sich am Ende fünf große Dimensionen herauskristallisiert, auf denen sich Persönlichkeit erstaunlich vollständig abbilden lässt. An diesem Modell arbeitet die Wissenschaft inzwischen seit weit über zehntausend Studien, und das Schöne daran ist: Es presst dich eben nicht in eine Farbe, sondern beschreibt dich auf fünf Skalen, auf denen du irgendwo zwischen den beiden Polen stehst.
Deep O.C.E.A.N.® geht dann noch ein gutes Stück tiefer und macht aus diesen fünf Dimensionen sogar zehn feine Skalen, jede von null bis hundert abgestuft. Diese zehn Aspekte gehen auf eine Arbeit der Forscher Colin DeYoung, Lena Quilty und Jordan Peterson aus dem Jahr 2007 zurück. Und jetzt rechne einfach kurz mit mir mit, dann wird es spannend. Zehn Skalen, jede mit hundert Abstufungen, und jede einzelne vervielfacht die Möglichkeiten aller anderen. Am Ende kommen so mehr mögliche Persönlichkeitsprofile heraus, als es Sandkörner auf der ganzen Erde gibt. Deine ganz persönliche Kombination ist also, und das meine ich wirklich ernst, ungefähr so einzigartig wie dein Fingerabdruck. Wenn dich die Wissenschaft dahinter genauer interessiert, habe ich sie dir auf einer eigenen Seite in Ruhe erklärt.
Jetzt wird es praktisch, und dafür erzähle ich dir lieber eine ehrliche Geschichte über mich selbst als irgendein Lehrbuch-Beispiel. Ich war jahrelang praktisch ein Workaholic, der eigentlich nur noch für die Firma da war. Angetrieben von Sätzen wie „ohne mich läuft das hier nicht“ und „die anderen wissen doch gar nicht, wie es geht“. Und lange habe ich mich gefragt, warum ich abends eigentlich immer so vollkommen leer war, obwohl ich meine Sache doch wirklich gut gemacht habe.
Heute weiß ich genau, woran das lag. In meiner Durchsetzungsstärke bin ich von Natur aus eher niedrig ausgeprägt. Ich habe also die ganze Zeit gegen meine eigene Ausprägung angearbeitet, mich durchgeboxt, wo mir das eben nicht in die Wiege gelegt war. Und das war eben kein Makel, sondern einfach eine ziemlich wichtige Information, die mir damals viel zu lange gefehlt hat. Denn sobald du deine eigenen Ausprägungen kennst, verstehst du plötzlich, warum dir manches so leichtfällt und warum sich anderes anfühlt, als würdest du dauernd gegen dich selbst anrudern.
Und das Ganze geht ja in zwei Richtungen. Deine Persönlichkeit prägt nicht nur, wie du führst, sondern auch, wie du die anderen siehst. Wer selbst sehr auf Tempo gebürstet ist, hält den ruhigen, gründlichen Mitarbeiter schnell für einen Bremser. Dabei ist der oft genau der, der die Fehler findet, bevor sie teuer werden. Sobald du deine eigene Brille kennst, kannst du sie ein Stück weit abnehmen und den anderen so sehen, wie er wirklich ist, statt nur als Abweichung von dir.
Vielleicht denkst du jetzt, das sei ja alles ganz nett und irgendwie psychologisch, aber was bringt mir das im Alltag? Eine ganze Menge, ehrlich gesagt. Führung entscheidet sich nämlich in den kleinen Momenten, in denen deine Botschaft ankommt. Oder eben nicht. Wenn ich den Ton nicht treffe, wenn das, was ich sage, beim anderen falsch landet und ich es noch nicht einmal merke, dann habe ich meinen Job als Führungskraft verfehlt, ganz gleich, wie gut mein Führungsstil auf dem Papier aussieht.
Und den Ton triffst du nun mal nur, wenn du beide Seiten kennst: dich selbst und den Menschen vor dir. Selbstkenntnis ist deshalb kein netter Luxus für ruhige Tage, sondern das Werkzeug, mit dem du Menschen wirklich erreichst. Führung heißt für mich am Ende, die anderen zu befähigen, ihnen die Verantwortung wirklich in die Hand zu geben, damit sie ihre Ziele auch zu ihren eigenen machen. Und das gelingt dir eben deutlich leichter, wenn du weißt, mit welcher Brille du selbst durch die Welt läufst.
Um dir selbst auf die Spur zu kommen, gibt es im Grunde drei Wege, und die unterscheiden sich vor allem darin, wie tief sie am Ende gehen.
Der schnellste ist ein kurzer Selbstcheck. Da bekommst du in wenigen Minuten eine erste Orientierung, wo deine Schwerpunkte ungefähr liegen. Das ist noch keine tiefe Analyse und ganz sicher keine Schublade, sondern eher eine ehrliche Standortbestimmung, die einfach ein richtig guter Anfang ist. Zum Führungs-Check →
Manche Dinge erkennt man allerdings gar nicht so sehr beim bloßen Ankreuzen, sondern eigentlich erst dann, wenn einem jemand das Ganze noch mal in Ruhe zurückspiegelt. Für diese Zwischenstufe arbeite ich gerade an einem Leadership-Assistenten, der dir ein paar kluge Fragen stellt und dir danach zeigt, was er aus deinen Antworten heraushört.
Und wenn du es dann irgendwann ganz genau wissen möchtest, also wirklich nicht in einer Farbe, sondern sauber auf Skalen und mit einem echten, persönlichen Auswertungsgespräch, dann ist Deep O.C.E.A.N.® für dich der richtige Weg.
Und weißt du, all das gehört im Grunde zu einer einzigen, größeren Idee. Dein Leben und deine Führung sind so etwas wie eine lange Fahrt zu deinem eigenen Ziel, und du sitzt dabei die ganze Zeit selbst am Steuer. Zwei Menschen können dasselbe Ziel ansteuern und trotzdem völlig unterschiedlich fahren, der eine ruhig und vorausschauend, der andere mit Vollgas und spätem Bremsen. Genau dieser Fahrstil ist deine Persönlichkeit. Sie zeigt sich nämlich gar nicht so sehr darin, wohin du eigentlich willst, sondern vor allem darin, wie du unterwegs bist. Und wer seinen eigenen Fahrstil einmal wirklich kennt, der kommt auf seiner Strecke einfach weiter, spürbar sicherer und mit deutlich weniger Verschleiß. Denn im Grunde ist Führung genau das: eine Reise, und du sitzt dabei selbst am Steuer.
Und weißt du, was dabei kaum jemand auf dem Schirm hat? Ob dich diese Reise auf Dauer auslaugt oder ob sie dich trägt, das entscheidet sich am Ende weniger an deinem Ziel als an deinem Fahrstil, also an deiner Persönlichkeit. Wie du verhinderst, dass dich der Dauerdruck der Führungsrolle nach und nach leerfährt, dazu kommen wir im nächsten Kapitel.

Jeder Artikel hier ist eine Etappe auf deiner Reise. Der Kompass zeigt dir, wo du gerade stehst und wohin es als Nächstes geht.
Du bist hier: Selbstführung, deine eigene Persönlichkeit verstehen.
Dein nächster Schritt: Schau dir an, was hinter deinen Mustern steckt, sauber auf Skalen statt in Schubladen.
Deep O.C.E.A.N.® ansehen →DISG teilt Menschen in vier Typen ein und ist deshalb schön eingängig, steht wissenschaftlich aber auf ziemlich dünnem Eis. Deep O.C.E.A.N.® baut dagegen auf dem Big-Five-Modell auf, misst deine Persönlichkeit auf Skalen statt in Schubladen und ist durch weit über zehntausend Studien abgesichert. Für einen ersten Aha-Moment im Team taugt DISG durchaus, für echte Selbstkenntnis in der Führung greift es aber zu kurz.
Ehrlich gesagt gibt es die eine ideale Führungspersönlichkeit nicht, und das ist sogar eine gute Nachricht. Es gibt stille und laute, vorsichtige und mutige, sehr strukturierte und sehr spontane Führungskräfte, die alle richtig gut sind. Entscheidend ist nicht eine bestimmte Ausprägung, sondern ob du deine eigene kennst und bewusst mit ihr arbeitest, statt gegen sie.
Deine Kernpersönlichkeit, die in den ersten Lebensjahren stark geprägt wird, bleibt über die Jahre hinweg ziemlich stabil, das stimmt schon. Dein konkretes Verhalten und deine eingefahrenen Muster kannst du aber sehr wohl verändern und mit der Zeit bewusst trainieren. Du wirst also kein anderer Mensch, aber du lernst, klüger mit dem umzugehen, was du ohnehin mitbringst.
Nein, dieser Mythos hält sich hartnäckig, stimmt aber einfach nicht. Introvertierte Führungskräfte hören oft genauer hin, denken vor dem Reden und geben ihren Leuten mehr Raum. Extravertierte gehen leichter auf Menschen zu und füllen den Raum. Beides hat seine Stärken und seine Schattenseiten, es kommt eben darauf an, was du daraus machst.
Das Big-Five-Modell ist das am besten erforschte Persönlichkeitsmodell der Psychologie. Es beschreibt Persönlichkeit auf fünf großen Dimensionen, die man mit dem Kürzel O.C.E.A.N. zusammenfasst: Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und emotionale Stabilität. Statt fester Typen zeigt es für jede Dimension, wo genau du zwischen den beiden Enden einer Skala stehst.
Du möchtest nicht länger raten, welche Muster dich in deiner Führung eigentlich antreiben, sondern es endlich wirklich verstehen? Dann lass uns in einem kostenlosen Erstgespräch in Ruhe anschauen, wo du gerade stehst und was für dich der nächste sinnvolle Schritt sein könnte. Kostenloses Erstgespräch →