Die Reise geht weiter · Feedback holen
Im letzten Kapitel ging es darum, nie auszulernen. Doch Lernen braucht eine Voraussetzung, die gerade Führungskräften oft fehlt: den ehrlichen Blick von außen. Denn manches können wir bei uns selbst gar nicht sehen. Es liegt im toten Winkel, im blinden Fleck.
Und hier gibt es ein tückisches Paradox: Je höher jemand steht, desto seltener bekommt er die Wahrheit zu hören, dabei bräuchte er sie am dringendsten. Um dich herum wird es leiser, freundlicher, zustimmender, je größer deine Verantwortung wird. Schauen wir uns an, warum jeder blinde Flecken hat, was das Johari-Fenster darüber verrät und wie du dir aktiv und sicher ehrliches Feedback holst.
Jeder Mensch wirkt anders, als er sich selbst wahrnimmt. Das Johari-Fenster, ein Modell von Joseph Luft und Harrington Ingham, macht das anschaulich. Es teilt das Wissen über eine Person in vier Felder: den offenen Bereich, den du und andere kennen; den verborgenen, den nur du kennst; den unbekannten, den niemand kennt; und den blinden Fleck, den nur die anderen sehen, du selbst aber nicht. Genau dieser blinde Fleck ist für Führungskräfte heikel. Dort liegen Verhaltensweisen, die voll auf dein Team wirken, dir selbst aber verborgen sind: dass du unter Druck unnahbar wirkst, andere unterbrichst oder mit deiner Stimmung den ganzen Raum färbst. Der einzige Weg, diesen Fleck zu verkleinern, ist ehrliches Feedback von außen.
Das Wort „Feedback“ kommt aus dem Englischen und bedeutet wörtlich „Rückfütterung“, im übertragenen Sinn Rückmeldung oder Rückkopplung. Der Begriff stammt ursprünglich aus der Technik: Ein System führt sich einen Teil seiner Wirkung zurück, um sich selbst zu regeln, wie ein Thermostat, der die Temperatur misst und nachsteuert. Genau das ist Feedback auch für Menschen: die Rückmeldung darüber, wie das eigene Handeln wirkt, damit man nachjustieren kann. Ohne diese Rückkopplung fährt man blind.
Das eigentliche Problem ist nicht, dass Führungskräfte kein Feedback wollen. Das Problem ist, dass sie kaum welches bekommen. Das Gefälle in der Hierarchie erschwert ehrliche Rückmeldung: Mitarbeiter fürchten, dass Kritik am Chef ihnen schadet, also schweigen sie lieber oder sagen nur das Angenehme. Je höher jemand steigt, desto stärker wird dieser Effekt. Man wird mit Zustimmung umgeben und hält das leicht fälschlich für die Wahrheit.
Deshalb musst du als Führungskraft das Feedback aktiv holen, statt darauf zu warten. Und du musst es sicher machen: Nur wer erlebt, dass ehrliche Rückmeldung keine Nachteile bringt und tatsächlich etwas bewirkt, traut sich, sie zu geben. Ehrliches Feedback ist an der Spitze kein Selbstläufer, sondern etwas, das du dir bewusst erarbeiten musst.
Je höher du stehst, desto weniger Hör du die Wahrheit von selbst. Also musst du sie dir aktiv holen.
Drei Dinge öffnen die Quelle.
Warte nicht ab, sondern frag gezielt nach konkreten Situationen: Was sollte ich künftig anders machen?
Mach klar, dass ehrliche Antworten keine Nachteile haben, und halte dich wirklich daran.
Bedank dich für jede Rückmeldung, auch für unbequeme. Nie rechtfertigen, nie beleidigt sein.
„Wenn etwas nicht stimmt, würde mein Team es mir schon sagen.“ Das ist einer der gefährlichsten Irrtümer in der Führung. In den allermeisten Fällen sagt das Team eben nichts, aus Rücksicht, aus Vorsicht oder aus Angst vor Nachteilen. Schweigen ist kein Zeichen, dass alles in Ordnung ist, sondern oft nur ein Zeichen, dass sich niemand traut. Wer sich auf dieses trügerische Schweigen verlässt, erfährt von Problemen erst, wenn sie groß geworden sind. Verlass dich nie darauf, dass die Wahrheit von selbst zu dir findet.
Eine Führungskraft führte in ihren Einzelgesprächen eine feste Frage ein: „Was sollte ich als deine Chefin künftig anders machen?“ Am Anfang kam nur höfliches Ausweichen. Doch sie blieb dran, bedankte sich für jede noch so kleine Anmerkung und setzte sichtbar etwas davon um. Nach einigen Monaten kamen ehrliche, wertvolle Rückmeldungen, über die sie vorher nie etwas erfahren hätte. Eine kleine, unbedeutend wirkende Angewohnheit von ihr hatte im Team seit Jahren für Frust gesorgt, ohne dass sie es ahnte. Erst die beharrlich geöffnete Tür brachte es ans Licht.
Es geht um Initiative, Sicherheit und echte Konsequenz. Vier Dinge helfen dir.
Bau feste Feedback-Anlässe ein. Mach die Frage nach Feedback zur Routine. Die regelmäßigen Einzelgespräche sind der ideale Ort dafür.
Nimm Kritik gut an. Wie du auf unbequeme Rückmeldung reifer reagierst, zeigt das Kapitel Wie du als Führungskraft Kritik annimmst.
Bau Vertrauen und Sicherheit. Ehrliches Feedback braucht einen sicheren Rahmen. Wie der entsteht, zeigt das Kapitel Vertrauen im Team aufbauen.
Reflektiere das Gehörte. Feedback wirkt erst, wenn du es ehrlich mit dir abgleichst. Wie das geht, zeigt das Kapitel Wenn du selbst Teil des Problems bist.
Stell in deinem nächsten Einzelgespräch eine einzige ehrliche Frage: „Was sollte ich als Führungskraft künftig anders machen?“ Und dann tu das Schwerste: Hör einfach zu, ohne dich zu rechtfertigen, und bedank dich. Es ist der erste Schritt, deinen blinden Fleck zu verkleinern.
Führung ist eine Reise, und du sitzt selbst am Steuer. Doch jedes Fahrzeug hat einen toten Winkel, einen Bereich, den du im Spiegel einfach nicht siehst. Wer sich allein auf die Spiegel verlässt und nie den Schulterblick macht, übersieht irgendwann das, was direkt neben ihm fährt. Feedback ist dieser Schulterblick: der bewusste Griff nach dem, was die Spiegel deiner Selbstwahrnehmung nicht zeigen. Ohne ihn fährst du gut, solange nichts im toten Winkel ist, und genau dann wird es gefährlich, wenn doch.
Diesen ehrlichen Blick von außen bekommst du am besten nicht nur aus deinem Team, sondern auch von Menschen auf Augenhöhe, die deine Welt verstehen. Denn Führung kann einsam machen, und niemand sollte sie ganz allein tragen. Warum du dir Sparringspartner und ein Netzwerk suchen solltest und wie das gelingt, das schauen wir uns als Nächstes an.

Jeder Artikel hier ist eine Etappe auf deiner Reise. Der Kompass zeigt dir, wo du gerade stehst und wohin es als Nächstes geht.
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Dein nächster Schritt: Stell im nächsten Einzelgespräch die Frage „Was sollte ich künftig anders machen?“ und hör nur zu.
Kostenlosen Führungs-Check machen →Weil das Gefälle in der Hierarchie ehrliche Rückmeldung erschwert. Mitarbeiter fürchten oft, dass Kritik an der Führungskraft ihnen schadet, deshalb schweigen sie lieber oder sagen nur das, was gut ankommt. Je höher jemand steht, desto stärker wird dieser Effekt, und desto mehr wird er mit Zustimmung umgeben. Das ist gefährlich, denn gerade wer viel Verantwortung trägt, braucht ehrliche Rückmeldung am dringendsten. Ehrliches Feedback kommt an der Spitze nicht von selbst, man muss es aktiv, glaubwürdig und immer wieder einfordern und sicher machen.
Das Johari-Fenster ist ein Modell von Joseph Luft und Harrington Ingham, das zeigt, wie Selbstbild und Fremdbild zusammenhängen. Es teilt das Wissen über eine Person in vier Bereiche: den offenen Bereich, den beide kennen, den verborgenen Bereich, den nur man selbst kennt, den blinden Fleck, den nur die anderen sehen, und den unbekannten Bereich, den niemand kennt. Der blinde Fleck ist für Führungskräfte besonders wichtig: Es sind Verhaltensweisen und Wirkungen, die alle anderen bemerken, nur man selbst nicht. Feedback ist der einzige Weg, diesen blinden Fleck zu verkleinern.
Ein blinder Fleck ist ein Verhalten oder eine Wirkung, die andere an dir wahrnehmen, die dir selbst aber verborgen bleibt. Zum Beispiel, dass du in Stress unnahbar wirkst, andere unterbrichst oder mit deiner Stimmung den Raum färbst, ohne es zu merken. Jeder Mensch hat solche blinden Flecken, und Führungskräfte oft besonders große, weil ihnen selten jemand offen die Wahrheit sagt. Das Gefährliche daran ist, dass diese unbemerkten Wirkungen trotzdem voll auf das Team wirken. Nur durch ehrliches Feedback von außen kann man den eigenen blinden Fleck überhaupt erkennen.
Indem du es aktiv, konkret und sicher machst. Warte nicht darauf, dass Feedback von selbst kommt, sondern frag gezielt danach, am besten nach konkreten Situationen statt allgemein. Stell offene Fragen wie: Was sollte ich künftig anders machen? Mach klar, dass ehrliche Antworten keine Nachteile haben, und reagiere nie beleidigt oder rechtfertigend, sonst versiegt die Quelle sofort. Bedanke dich für jede Rückmeldung, auch für unbequeme. Hilfreich sind auch anonyme Wege und ein oder zwei ehrliche Vertraute, die dir ungeschminkt die Wahrheit sagen. Entscheidend ist, dass du sichtbar etwas mit dem Feedback machst.
Zuerst zuhören, ohne dich zu verteidigen. Der größte Fehler ist, sich sofort zu rechtfertigen oder das Feedback kleinzureden, denn damit zeigst du, dass ehrliche Rückmeldung bei dir nicht sicher ist. Nimm die Kritik erst einmal an, frag bei Bedarf nach, um sie genau zu verstehen, und bedanke dich ehrlich dafür. Du musst nicht jedem Feedback zustimmen, aber du solltest es ernst nehmen und in Ruhe prüfen. Und dann, ganz wichtig, zieh sichtbar Konsequenzen, wo es berechtigt ist. Nichts ermutigt so sehr zu weiterem ehrlichen Feedback wie die Erfahrung, dass es wirklich etwas bewirkt.
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