Selbstführung · Selbstreflexion

Wenn du selbst Teil des Problems bist: warum gute Führung im Spiegel beginnt

In den letzten Kapiteln ging es viel um das Team: um Regeln, um Konflikte, um Konsequenzen. Immer war der Blick nach außen gerichtet, auf die anderen. Am Ende des letzten Kapitels stand aber eine unbequeme Frage im Raum: Was ist, wenn ein Teil des Problems gar nicht im Team liegt, sondern bei dir selbst?

Das ist kein angenehmer Gedanke, und genau deshalb schieben wir ihn gern weg. Wenn etwas schiefläuft, ist der erste Reflex fast immer, die Ursache bei den anderen zu suchen. Dabei liegt genau hier der größte Hebel, den du als Führungskraft überhaupt hast. Schauen wir uns an, warum unser Kopf so ungern zu sich selbst schaut und wie ein ehrlicher Blick in den Spiegel dich nicht kleiner macht, sondern stärker.

Das Wichtigste in Kürze

Was Selbstreflexion wirklich ist

Selbstreflexion ist die Fähigkeit, das eigene Denken, Fühlen und Handeln von außen zu betrachten, so als würdest du dir selbst über die Schulter schauen. Es geht nicht ums Grübeln oder Sich-fertigmachen, sondern um einen nüchternen, ehrlichen Blick: Was habe ich getan, welche Wirkung hatte das, und was davon lag an mir?

Wortherkunft

Das Wort „reflektieren" kommt vom lateinischen „reflectere", das heißt „zurückbeugen" oder „zurückwerfen". Gemeint ist ursprünglich das Zurückwerfen von Licht, wie bei einem Spiegel. Genau das tust du bei der Selbstreflexion: Du wirfst den Blick, der sonst immer nach außen geht, einmal auf dich selbst zurück. Kein Wunder, dass es sich zuerst ungewohnt anfühlt.

Der Denkfehler, der uns blind macht

Es gibt einen guten Grund, warum wir bei Problemen zuerst auf die anderen zeigen. Die Sozialpsychologie nennt ihn den fundamentalen Attributionsfehler, beschrieben vom Forscher Lee Ross im Jahr 1977. Er besagt: Beim Verhalten anderer sehen wir vor allem den Charakter („der ist eben unzuverlässig"), beim eigenen Verhalten dagegen die Umstände („ich hatte einfach keine Zeit"). Derselbe Fehler, zwei völlig verschiedene Erklärungen, je nachdem, wer ihn macht.

Für eine Führungskraft ist das gefährlich, denn es führt fast automatisch dazu, die Schuld beim Team zu suchen und den eigenen Anteil zu übersehen. Wer diesen Mechanismus kennt, kann ihn aushöhlen. Nicht, indem er die Verantwortung der anderen wegredet, sondern indem er bei sich selbst genauso genau hinschaut wie bei ihnen.

Prinzip

Erst wer sich selbst verändert, kann seine Außenwelt verändern. Willst du, dass sich in deinem Team etwas bewegt, bist du der Erste, der sich bewegt.

Die eine Frage, die alles dreht

Es gibt eine Frage, die den ganzen Blick umkehrt, und sie ist ganz schlicht: Was ist mein Teil daran? Nicht „wer ist schuld", sondern „welchen Anteil habe ich an dieser Situation, und was kann ich daran ändern?". Das ist kein Selbstvorwurf, sondern der praktischste Satz überhaupt, denn das Einzige, das du wirklich in der Hand hast, ist dein eigenes Verhalten.

Denk an die Autofahrt, die sich durch diese ganze Reise zieht. Bisher haben wir viel auf die anderen Verkehrsteilnehmer geschaut, auf das Team, die Konflikte, die Regeln. Selbstreflexion ist der Moment, in dem du kurz in den Rückspiegel schaust und den Fahrer anschaust, also dich selbst. Denn so gut das Auto auch ist, gefahren wird es von dir.

Verbreiteter Irrtum

„Wenn ich an mir arbeite, gebe ich zu, dass ich schuld oder schwach bin." Das verwechselt Verantwortung mit Schuld. Nach dem eigenen Anteil zu fragen ist kein Eingeständnis von Schwäche, sondern das Gegenteil: Es ist der souveränste Zug, den du machen kannst, weil du damit an der einzigen Stellschraube drehst, die dir wirklich gehört.

Drei ehrliche Fragen für den Blick nach innen

Selbstreflexion wird konkret, wenn du sie an ein paar guten Fragen festmachst. Diese drei tragen besonders weit.

Was ist mein Teil daran?

Lenkt den Blick weg von der Schuldfrage hin zu dem, was du selbst ändern kannst.

Will ich recht haben oder ans Ziel kommen?

Entlarvt die Momente, in denen dein Stolz wichtiger geworden ist als das Ergebnis.

Bin ich das gerade, oder habe ich es nur?

Du bist nicht dein Ärger, du hast ihn. Diese Distanz gibt dir die Kontrolle zurück.

Aus der Praxis

Ein Betriebsleiter ärgerte sich, dass sein Team ständig Termine riss, und schob es auf mangelnde Disziplin. Erst als er sich ehrlich fragte, was sein Teil daran war, fiel ihm auf, dass seine Aufträge oft zwischen Tür und Angel kamen, ohne klare Frist, ohne klare Priorität. Er änderte nicht das Team, sondern seine eigene Art, Aufträge zu geben. Die gerissenen Termine wurden deutlich weniger, und niemand hatte das Team „disziplinieren" müssen.

Wie du deinen blinden Fleck verkleinerst

Den eigenen Anteil sieht man nun mal schlecht, sonst wäre es kein blinder Fleck. Vier Dinge helfen, ihn kleiner zu machen.

Hol dir ehrliches Feedback. Frag dein Team aktiv, was du selbst besser machen könntest, und halt es aus, wenn die Antwort unbequem ist. Warum das oft schwerfällt und wie du es sicher machst, steht im Kapitel warum dein Team dir nicht die Wahrheit sagt.

Frag zuerst nach deinem Teil. Bevor du überlegst, was die anderen falsch gemacht haben, stell dir die Frage „was ist mein Teil daran?". Nicht als einzige Frage, aber als erste.

Schaff dir Distanz. Im Ärger sieht man sich selbst am schlechtesten. Wie du in solchen Momenten runterkommst und wieder klar wirst, zeigt das Kapitel wie du Druck als Führungskraft steuerst.

Mach Reflexion zur Gewohnheit. Nimm dir regelmäßig ein paar Minuten, um auf die Woche zu schauen: Was lief gut, was lag an mir, was nehme ich mir vor? Wer nur in der Krise reflektiert, reflektiert fast immer zu spät.

Zum Mitnehmen

Denk an einen Konflikt oder ein Problem, das in deinem Team immer wiederkehrt. Stell dir dazu ganz ehrlich die eine Frage: Was ist mein Teil daran? Und dann eine zweite: Was davon könnte ich ab morgen anders machen?

Das ist ein Stück deiner Reise

Führung ist eine Reise, und du sitzt selbst am Steuer. Selbstreflexion ist der Moment, in dem du kurz vom Verkehr aufschaust und prüfst, wie du eigentlich fährst. Das ist keine Schwäche, sondern das, was gute Fahrer von riskanten unterscheidet: Sie kennen sich selbst. Und je ehrlicher du zu dir bist, desto ruhiger und sicherer wird die ganze Fahrt.

Nur ehrlich hinschauen allein reicht natürlich nicht. Denn wer sich selbst fordert und an sich arbeitet, kassiert unterwegs auch Rückschläge. Wie du nach einem Schlag wieder aufstehst, statt liegen zu bleiben, das schauen wir uns als Nächstes an.

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Jeder Artikel hier ist eine Etappe auf deiner Reise. Der Kompass zeigt dir, wo du gerade stehst und wohin es als Nächstes geht.

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Dein nächster Schritt: Frag dich bei einem wiederkehrenden Problem zuerst: Was ist mein Teil daran?

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Häufige Fragen

Was ist Selbstreflexion in der Führung?

Selbstreflexion ist die Fähigkeit, das eigene Denken, Fühlen und Handeln von außen zu betrachten und ehrlich zu prüfen, welchen Anteil man selbst an einer Situation hat. Es geht nicht um Grübeln, sondern um einen nüchternen Blick darauf, was man selbst ändern kann.

Warum suchen wir Fehler zuerst bei anderen?

Weil unser Gehirn einem bekannten Muster folgt, dem fundamentalen Attributionsfehler: Bei anderen erklären wir Verhalten mit dem Charakter, bei uns selbst mit den Umständen. Das passiert automatisch und ist kein Zeichen von schlechtem Willen, sondern ein Denkfehler, den man aber bewusst gegensteuern kann.

Heißt an sich arbeiten, dass man an allem schuld ist?

Nein. Nach dem eigenen Anteil zu fragen ist etwas anderes, als sich alle Schuld zu geben. Es geht nicht um Selbstvorwürfe, sondern darum, an der einzigen Stellschraube anzusetzen, die dir wirklich gehört: deinem eigenen Verhalten. Das ist ein Zeichen von Stärke, nicht von Schwäche.

Wie reflektiere ich als Führungskraft richtig?

Am besten regelmäßig und mit klaren Fragen, nicht nur in der Krise. Hilfreich sind „Was ist mein Teil daran?", „will ich recht haben oder ans Ziel kommen?" und ein ehrliches Feedback aus dem Team. Wichtig ist die Distanz: sich selbst betrachten, ohne sich fertigzumachen.

Was ist der fundamentale Attributionsfehler?

Das ist die Neigung, das Verhalten anderer mit ihrer Persönlichkeit zu erklären und die Umstände zu unterschätzen, während wir eigenes Verhalten umgekehrt vor allem mit den Umständen begründen. Der Sozialpsychologe Lee Ross hat ihn 1977 beschrieben. Für Führungskräfte ist er wichtig, weil er dazu verleitet, den eigenen Anteil an Problemen zu übersehen.

Du spürst, dass du in bestimmten Situationen immer wieder anstößt, und willst ehrlich verstehen, welchen Anteil du daran hast? In einem kostenlosen Erstgespräch schauen wir gemeinsam in den Spiegel, ruhig und ohne Selbstvorwürfe. Kostenloses Erstgespräch →