Reise des Lebens · Dich selbst sehen
Jeder, der Auto fährt, kennt den toten Winkel. Da ist ein Bereich neben dir, den du im Spiegel einfach nicht siehst. Nicht, weil du unaufmerksam bist, sondern weil er bauartbedingt außerhalb deines Blickfelds liegt. Genau so einen toten Winkel hast du auch als Mensch und als Führungskraft. Es gibt etwas an dir, das andere deutlich sehen, du selbst aber nicht. Das nennt man deinen blinden Fleck.
Das Johari-Fenster ist ein einfaches Modell, das genau das sichtbar macht. Es wurde schon in den 1950er Jahren von zwei Psychologen entwickelt und hilft dir zu verstehen, warum Selbstbild und Fremdbild oft auseinanderliegen, und was du tun kannst, um den toten Winkel kleiner zu machen. Schauen wir es uns an.
Stell dir ein Fenster mit vier Scheiben vor. Die erste Scheibe ist der öffentliche Bereich: alles, was du über dich weißt und andere auch. Deine bekannten Stärken, dein Auftreten, das, was offen auf dem Tisch liegt. Die zweite ist der blinde Fleck: das, was andere an dir wahrnehmen, dir selbst aber nicht bewusst ist. Zum Beispiel, dass du unter Stress ungeduldig wirkst, obwohl du dich innerlich ganz ruhig fühlst.
Die dritte Scheibe ist der verborgene Bereich: das, was du über dich weißt, aber für dich behältst. Deine Unsicherheiten, deine eigentlichen Beweggründe, Dinge, die du bewusst nicht zeigst. Und die vierte ist der unbekannte Bereich: das, was weder du noch andere kennen, verborgene Potenziale oder Reaktionen, die erst in neuen Situationen zum Vorschein kommen.
Als Führungskraft hast du Wirkung, ob du willst oder nicht. Und der Tücke deines blinden Flecks ist: Du steuerst gerade den Teil deiner Wirkung nicht, den du nicht siehst. Vielleicht meinst du es motivierend, und es kommt als Druck an. Vielleicht willst du Freiraum geben, und es wirkt wie Desinteresse. Solange dir das nicht gespiegelt wird, fährst du sozusagen mit einem toten Winkel durch den Führungsalltag und wunderst dich über Reaktionen, die du dir nicht erklären kannst.
Deinen toten Winkel siehst du nie allein. Du brauchst jemanden, der dir sagt, was neben dir fährt.
Die gute Nachricht: Du bist dem blinden Fleck nicht ausgeliefert. Zwei einfache Bewegungen machen ihn kleiner. Die erste ist, um Feedback zu bitten. Jedes Mal, wenn dir jemand ehrlich spiegelt, wie du wirkst, wandert ein Stück aus dem blinden Fleck hinüber in den öffentlichen Bereich. Genau deshalb ist eine gute Vertrauensbasis so wertvoll: Nur wer sich sicher fühlt, sagt dir wirklich, was er sieht.
Die zweite Bewegung ist, dich selbst ein Stück zu öffnen. Wenn du von deinen Überlegungen, auch von Unsicherheiten erzählst, wandert etwas aus dem verborgenen in den öffentlichen Bereich. Das schafft Nähe und macht dich berechenbarer. Beides zusammen, Feedback annehmen und dich zeigen, ist gelebte Selbstreflexion, und es macht dich als Führungskraft klarer und echter. Dass man an sich arbeiten und wachsen kann, ist dabei die Grundannahme, siehe auch Kann man Persönlichkeit entwickeln?.

Jeder Artikel hier ist eine Etappe auf deiner Reise. Der Kompass zeigt dir, wo du gerade stehst und wohin es als Nächstes geht.
Du bist hier: Das Johari-Fenster.
Dein nächster Schritt: Bau die Vertrauensbasis, die ehrliches Feedback erst möglich macht.
Weiter zu: Vertrauen im Team aufbauen →Ein Modell, das dich in vier Bereiche aufteilt: was du und andere über dich wissen (öffentlich), was nur andere sehen (blinder Fleck), was nur du weißt (verborgen) und was niemand kennt (unbekannt). Es macht sichtbar, warum Selbst- und Fremdbild oft auseinanderliegen.
Der blinde Fleck ist alles, was andere an dir wahrnehmen, dir selbst aber nicht bewusst ist, zum Beispiel eine Wirkung, die du gar nicht beabsichtigst. Wie der tote Winkel beim Autofahren lässt er sich nicht allein einsehen, sondern nur mit Hilfe von außen.
Durch zwei Bewegungen: um ehrliches Feedback bitten, damit andere dir spiegeln, wie du wirkst, und dich selbst ein Stück öffnen, indem du deine Überlegungen und Unsicherheiten zeigst. Beides verschiebt Unbekanntes in den offenen, gemeinsamen Bereich.
Weil du als Führungskraft immer Wirkung hast. Den Teil deiner Wirkung, den du nicht siehst, kannst du auch nicht steuern. Wer seinen blinden Fleck kennt, führt bewusster und wundert sich seltener über Reaktionen, die er sich sonst nicht erklären könnte.
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