Führungsgrundlagen · Den Stil anpassen
Im Kapitel über die Führungsstile ist eine Frage offengeblieben: Wenn es den einen besten Stil nicht gibt, woran machst du dann fest, wann welcher dran ist? Genau darauf gibt die situative Führung eine überraschend praktische Antwort. Sie ist wahrscheinlich das nützlichste Modell dieses ganzen Kapitels, weil du es ab dem nächsten Gespräch anwenden kannst.
Die Grundidee ist so einfach wie einleuchtend: Du führst nicht alle gleich, sondern jeden so, wie er es in dieser Aufgabe gerade braucht. Schauen wir uns an, was situative Führung bedeutet, welche zwei Fragen darüber entscheiden und wie du den passenden Stil wählst.
Situative Führung bedeutet, dass es keinen festen Stil gibt, sondern die Führungskraft ihr Verhalten bewusst an den Menschen und die Situation anpasst. Das Modell geht auf Paul Hersey und Ken Blanchard zurück und hat sich vor allem deshalb gehalten, weil es dem Alltag so nahe kommt.
Der Kern ist eine Haltung, die ich sehr teile: sich situativ um den Menschen zu kümmern und zu erkennen, was er gerade braucht. Mal ist das eine klare Ansage, mal ein aufmunterndes Gespräch, mal einfach Vertrauen und Freiraum. Nicht der Stil ist heilig, sondern die Passung.
Um den passenden Stil zu finden, brauchst du nur zwei Dinge einzuschätzen, und die kennst du im Kern schon aus dem Kapitel wenn einer nicht mitzieht: Können und Wollen.
Wie fähig ist die Person für genau diese Aufgabe, hat sie das Können, die Erfahrung, das Wissen? Und wie willig ist sie, wie steht es um Motivation, Zutrauen und Sicherheit? Aus der Kombination dieser beiden ergibt sich der Reifegrad für diese eine Aufgabe. Und dieser Reifegrad, nicht deine Laune oder Gewohnheit, sollte bestimmen, wie viel du anleitest und wie viel du loslässt.
Aus diesen zwei Fragen ergeben sich vier typische Situationen und die jeweils passende Antwort.
| Reifegrad | Passender Stil | Was du tust |
|---|---|---|
| kann noch nicht, will aber | Anweisen | klar zeigen, genau erklären, eng begleiten |
| kann etwas, ist aber unsicher | Überzeugen | erklären und ermutigen, Fragen zulassen |
| kann, traut sich aber nicht ganz | Beteiligen | gemeinsam entscheiden, unterstützen, bestärken |
| kann und will | Delegieren | Verantwortung übergeben, Freiraum lassen |
Du siehst: Der Stil wandert von viel Anleitung bei einem Neuling hin zu viel Freiheit bei einem erfahrenen, motivierten Mitarbeiter. Und das Ziel guter Führung ist, jemanden über die Zeit von links nach rechts zu begleiten, also ihn so zu entwickeln, dass du irgendwann getrost delegieren kannst.
Die meisten Führungskräfte haben einen Lieblingsstil und fahren ihn quer durch alle Situationen. Der eine kontrolliert grundsätzlich alles, der andere lässt grundsätzlich laufen. Beides geht regelmäßig schief.
Wer einen Neuling mit zu viel Freiheit allein lässt, produziert Unsicherheit und Fehler. Und wer einen erfahrenen Profi ständig kontrolliert, erreicht genau das, was wir im Kapitel wenn einer nicht mitzieht gesehen haben: den Robotermodus. Der Mensch macht innerlich dicht, weil man ihm nichts zutraut. Situative Führung ist deshalb genau das, was wir bei den Führungskompetenzen das richtige Werkzeug zur richtigen Zeit genannt haben.
Im Alltag brauchst du dazu keine Tabelle im Kopf, sondern eine Gewohnheit. Frag dich vor einer Aufgabe kurz: Wie fähig und wie motiviert ist diese Person hier? Dann wähl bewusst, wie viel du vorgibst und wie viel du überlässt. Wichtig ist, den Reifegrad pro Aufgabe zu betrachten, nicht pauschal pro Mensch. Deine beste Allrounderin kann bei einem neuen Thema trotzdem eine Anfängerin sein und dann kurz klare Anleitung brauchen, ohne dass das eine Abwertung wäre.
Und dann das Wichtigste: Bleib nicht stehen. Wenn jemand wächst, gib ihm mehr Freiraum, auch wenn Kontrolle bequemer wäre. Genau dieses schrittweise Loslassen ist gelebte Entwicklung.
Auch das gehört zum Fundament. Führung ist eine Reise, und du sitzt dabei selbst am Steuer, aber du passt deinen Fahrstil ständig an die Straße an. Bei Glätte fährst du anders als auf freier Bahn, und mit einem Fahrschüler neben dir anders als mit einem Profi. Situative Führung ist nichts anderes als vorausschauendes Fahren, angewendet auf Menschen.
Bisher ging es viel um bewährte Modelle. Aber die Arbeitswelt verändert sich, und mit ihr die Erwartungen an Führung. Was moderne Führung heute wirklich ausmacht, und was davon nur Mode ist, das schauen wir uns im nächsten Kapitel an.

Jeder Artikel hier ist eine Etappe auf deiner Reise. Der Kompass zeigt dir, wo du gerade stehst und wohin es als Nächstes geht.
Du bist hier: Führungsgrundlagen, den Stil situativ anpassen.
Dein nächster Schritt: Prüf bei deinen nächsten Aufgaben bewusst, wie fähig und wie motiviert die Person gerade ist.
Kostenlosen Führungs-Check machen →Situative Führung bedeutet, den Führungsstil bewusst an den Menschen und die jeweilige Aufgabe anzupassen, statt immer gleich zu führen. Sie orientiert sich am Reifegrad des Mitarbeiters, also an dessen Fähigkeit und Motivation, und geht auf das Modell von Hersey und Blanchard zurück.
Anweisen, überzeugen, beteiligen und delegieren. Sie reichen von viel Anleitung bei geringem Reifegrad bis zu viel Freiraum bei hohem Reifegrad. Welcher Stil passt, hängt davon ab, wie fähig und wie motiviert jemand für die konkrete Aufgabe ist.
Der Reifegrad beschreibt, wie fähig und wie motiviert ein Mitarbeiter für eine bestimmte Aufgabe ist. Er ergibt sich aus der Kombination von Können und Wollen und bestimmt, wie viel Anleitung oder Freiraum sinnvoll ist. Wichtig: Er gilt pro Aufgabe, nicht pauschal pro Person.
Alle gleich zu behandeln. Wer Anfänger zu früh allein lässt, erzeugt Unsicherheit, und wer erfahrene Mitarbeiter ständig kontrolliert, treibt sie in den inneren Rückzug. Der passende Stil hängt immer vom Reifegrad ab und verändert sich, wenn die Person wächst.
Nein. Situative Führung ist nicht beliebig, sondern bewusst. Du wählst deinen Stil gezielt nach Situation und Mensch, statt planlos mal so und mal so zu führen. Der rote Faden ist die Passung, nicht die Willkür.
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