Persönlichkeit · Introversion & Extraversion
Im letzten Kapitel ging es um Vielfalt im Team. Einer dieser Unterschiede begegnet dir besonders oft und wird besonders häufig missverstanden: der zwischen den Lauten und den Leisen. Die einen denken laut und füllen jeden Raum, die anderen sind still, hören zu und sagen erst etwas, wenn sie es durchdacht haben.
Viel zu schnell wird daraus ein Urteil: der Laute wirkt kompetent und führungsstark, der Leise unsicher oder desinteressiert. Beides führt in die Irre und kostet dich womöglich deine besten Leute. Schauen wir uns an, was Introversion und Extraversion wirklich bedeuten, warum Lautstärke nichts über Kompetenz sagt und wie du beide so führst, dass ihre Stärken zur Geltung kommen.
Introversion und Extraversion beschreiben, woraus ein Mensch Energie zieht: aus der Ruhe und dem Rückzug oder aus dem Austausch mit anderen. Der Extravertierte lädt sich im Gespräch auf und denkt gern laut. Der Introvertierte tankt in der Stille und denkt lieber erst, bevor er spricht. Beides ist eine Ausprägung auf einer Skala, kein fester Typ, und die meisten Menschen liegen irgendwo dazwischen.
Die Begriffe gehen auf den Psychologen Carl Gustav Jung zurück und stammen aus dem Lateinischen. „Intro" heißt nach innen, „extra" nach außen, und „vertere" heißt wenden. Wörtlich ist der eine also nach innen gewandt, der andere nach außen. Genau das trifft es: Es geht um die Richtung, in die jemand seine Aufmerksamkeit und seine Energie wendet, nicht um seinen Wert oder sein Können.
Der häufigste Denkfehler ist, Introversion mit Schüchternheit zu verwechseln. Dabei sind das zwei ganz verschiedene Dinge. Schüchternheit ist eine Angst vor sozialer Bewertung. Introversion ist einfach eine Vorliebe für Ruhe. Ein Introvertierter kann völlig selbstsicher sein, er redet nur nicht, um zu reden.
Genauso falsch ist die Annahme, der Lautere sei automatisch die bessere Führungskraft. In Wahrheit übernimmt in Gruppen oft einfach der, der am meisten redet, ganz gleich, ob er die beste Idee hat. Wer als Führungskraft nur auf die Lauten hört, verliert genau die Hälfte des Teams, die vielleicht am gründlichsten gedacht hat.
Ob jemand laut oder leise ist, sagt nichts darüber, ob er recht hat. Die beste Idee kommt oft von dem, der sie nicht am lautesten vertritt.
Introvertierte und Extravertierte sind nicht besser oder schlechter, sie brauchen nur Unterschiedliches, um ihre Stärke zu zeigen. Wenn du das kennst, holst du aus beiden das Beste heraus.
Sie denken im Reden und blühen im Gespräch auf. Gib ihnen Raum, laut zu denken, und schnelle Rückmeldung.
Sie liefern am meisten, wenn sie ein Thema vorher kennen und auch schriftlich beitragen dürfen, statt spontan im Raum.
Der eine über Zuspruch, der andere über echtes Zuhören. Aber ernst genommen werden wollen alle.
„Introvertierte sind keine guten Führungskräfte." Das Gegenteil kann sogar stimmen. Eine Studie von Adam Grant und Kollegen aus dem Jahr 2011 fand, dass introvertierte Führungskräfte bessere Ergebnisse erzielen, wenn ihr Team selbst proaktiv ist, weil sie eher zuhören und den Ideen der anderen Raum geben, statt alles selbst zu bestimmen. Ruhig führen ist kein Nachteil, sondern manchmal genau der richtige Stil.
In einem Team galt eine stille Kollegin als „nicht so engagiert", weil sie in Besprechungen kaum etwas sagte. Die Führungskraft änderte nur eine Kleinigkeit: Sie schickte die Themen einen Tag vorher herum und bat alle, vorab kurz ihre Gedanken zu notieren. Plötzlich kamen von der stillen Kollegin die durchdachtesten Beiträge im ganzen Team. Sie war nie desinteressiert gewesen, sie hatte nur das falsche Format bekommen.
Es braucht keine zwei Führungsstile, nur ein bisschen Bewusstsein für den Unterschied. Vier Dinge helfen dir dabei.
Verwechsle Lautstärke nicht mit Kompetenz. Achte bewusst darauf, wer viel redet und wer viel denkt, und miss Beiträge an ihrem Inhalt, nicht an ihrer Dezibelzahl.
Gib den Stillen einen Weg hinein. Kündige Themen vorher an, frag gezielt die Leiseren, oder biete schriftliche Kanäle an. Warum in manchen Runden überhaupt niemand etwas sagt, steht im Kapitel Meetings, die wirklich etwas bringen.
Gib den Lauten Struktur. Extravertierte hilft es, laut denken zu dürfen, aber auch, dass am Ende jemand die Runde ordnet und nicht die lauteste Stimme automatisch gewinnt.
Führe mit deiner eigenen Natur. Wenn du selbst eher leise bist, musst du nicht den Lauten spielen, und umgekehrt. Wer gegen die eigene Ausprägung führt, verbraucht unnötig Kraft, wie das Kapitel warum gute Führung ein Gesundheitsfaktor ist zeigt.
Denk an die stillste Person in deinem Team. Frag dich: Habe ich sie schon mal für uninteressiert gehalten, nur weil sie wenig sagt? Und probier diese Woche eine einzige Sache aus, gib ihr ein Thema vorher oder frag sie gezielt nach ihrer Meinung.
Führung ist eine Reise, und du sitzt selbst am Steuer. Manche Motoren laufen laut und drehen hoch, andere sind leise und ziehen kraftvoll durch. Kein guter Fahrer hält den leisen Motor für schwächer, nur weil man ihn weniger hört. Genau so ist es mit den Stillen und den Lauten im Team: Die Lautstärke sagt dir nichts über die Kraft dahinter.
Wie laut oder leise jemand ist, ist nur eine von fünf großen Ausprägungen, in denen sich Menschen unterscheiden. Eine andere entscheidet darüber, wer unter Druck ruhig bleibt und wer schnell in Alarm gerät. Warum manche unter Belastung aufblühen und andere einfrieren, das schauen wir uns als Nächstes an.

Jeder Artikel hier ist eine Etappe auf deiner Reise. Der Kompass zeigt dir, wo du gerade stehst und wohin es als Nächstes geht.
Du bist hier: Persönlichkeit, still und laut.
Dein nächster Schritt: Gib der stillsten Person im Team diese Woche gezielt einen Weg, ihre Gedanken einzubringen.
Kostenlosen Führungs-Check machen →Es geht darum, woraus jemand Energie zieht. Extravertierte tanken im Austausch mit anderen auf und denken gern laut, Introvertierte tanken in der Ruhe und denken lieber erst, bevor sie sprechen. Beides ist eine Ausprägung auf einer Skala, und die meisten Menschen liegen irgendwo dazwischen.
Nicht unbedingt. Schüchternheit ist die Angst vor sozialer Bewertung, Introversion einfach eine Vorliebe für Ruhe. Ein introvertierter Mensch kann völlig selbstsicher sein, er sucht nur nicht ständig das Rampenlicht. Die beiden zu verwechseln führt zu falschen Urteilen.
Nein. In Gruppen übernimmt zwar oft der, der am lautesten ist, aber das sagt nichts über die Qualität der Führung. Studien zeigen sogar, dass introvertierte Führungskräfte mit proaktiven Teams besonders gute Ergebnisse erzielen, weil sie mehr zuhören und Raum geben.
Indem du ihnen Vorlauf und Ruhe gibst. Kündige Themen vorher an, biete schriftliche Wege an, sich einzubringen, und frag sie gezielt nach ihrer Meinung, statt nur auf spontane Wortmeldungen zu setzen. Oft kommen dann die durchdachtesten Beiträge von den Stillen.
Mit deiner eigenen Natur, nicht gegen sie. Du musst nicht den Lauten spielen, um zu führen. Ruhiges Zuhören, durchdachte Entscheidungen und echtes Interesse an den Menschen sind starke Führungsqualitäten. Wer ständig eine fremde Rolle spielt, verbraucht dagegen unnötig Kraft.
Du fragst dich, ob du die Stillen in deinem Team übersiehst oder selbst gegen deine Natur führst? Im kostenlosen Erstgespräch schauen wir uns an, wie du mit deiner eigenen Ausprägung am besten führst. Kostenloses Erstgespräch →